Was passiert, wenn ein junger Mann vor der Kamera seines besten Freundes in den Donaukanal springt und dabei ertrinkt? Was, wenn dann plötzlich ein Testament auftaucht, das ausgerechnet im Wiener Wurstelprater verlesen werden soll? Was, wenn ein alter Mann mit einer Gummipuppe, die er für seine verstorbene Frau hält, auf dem Weg zum Grazer Hauptbahnhof in die Straßenbahn rennt und ins Wachkoma fällt?
Das ist Mittelstadtrauschen, mein Roman, der nun endlich fertig ist und 2013 bei Deuticke erscheint.
Textprobe (1. Kapitel)
(…)
Das Schicksal in Form einer kaffeebraunen Brustwarze ist etwas ganz Besonderes, so etwas erlebt man nicht alle Tage, so ein Schicksal deutet auf Großes hin. Das spüren auch Marie und Jakob, also tupfen sie emsig mit Servietten und Taschentüchern den verschütteten Kaffee auf und rufen nach dem Kellner. Mit schwitzenden Händen lassen sie das Schicksal seinen Lauf nehmen, Marie, indem sie an ihre eigenen rosafarbenen Brustwarzen denkt und wie sie wohl aussehen werden, wenn sie einmal ein Kind in sich tragen wird, und Jakob indem er gar nichts mehr denkt. Maries Worte ziehen an seinem Kopf vorbei, im Grunde ist es völlig nebensächlich, was sie redet, geredet wird bald einmal in einem Kaffeehaus, vor allem, wenn sich zwei kennen lernen. Da wird das Reden zum Defibrillator, komm schon, komm, in jeder Mundbewegung die Angst, nicht zu genügen, bleib hier, steh nicht auf, geh nicht weg.
(…)
Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.
Als das Kaffeehaus schließt, spazieren sie durch die Stadt, den gleichen Weg, den Marie auf ihrer Flucht vor dem Regen genommen hat, an Kirchen und Palais vorbei, unter Torbögen durch, hinunter zum Ring, wo jetzt keine Mückenschwärme mehr fliegen. Marie wickelt ihre Arme enger um den Körper, und Jakob, der keine Jacke dabei hat, die er ihr anbieten kann, legt seinen Arm um ihre Schultern, zieht sie heran, und sagt: „Du hast ja eine Gänsehaut.“ Sonja vor dem Flachbildschirm hat er vergessen, oder vielleicht auch nicht, vielleicht verdrängt er ihr Bild nur aus seinem Kopf. Er will jetzt nicht über seine Beziehung nachdenken. Also geht er, seinen Arm um Maries Schultern gelegt, den Donaukanal entlang, über die Brücke zum Augarten, um den Augarten herum, in die Castellezgasse hinein, die Stiegen hinauf und in Maries Wohnung hinein, wo sich eine Katze an seine Unterschenkel schmiegt und laut klagend ihr Futter fordert. Jakob schüttelt das Tier ab und drückt Marie an sich, diese wunderbar fremde Marie, diese wunderbar lächelnde, duftende Marie, er presst seine Lippen auf die ihren und schiebt seine Zunge in ihre Mundhöhle, komm her, geh nicht weg, doch sie stößt sich von ihm ab, dreht lachend eine Pirouette und flattert in die Küche um eine Dose Katzenfutter zu öffnen.
Und während Marie sich an der Dose in den Finger schneidet und sich fragt, ob es gescheit gewesen ist, jemanden, den sie erst ein paar Stunden zuvor kennen gelernt hat, gleich mit in ihre Wohnung zu nehmen, während Jakob – nur Maries Lächeln wahrnehmend – an ihrem Finger saugt, zieht die Wiener Polizei Joes Leiche aus dem Donaukanal. Teigig und aufgeschwemmt ist sein Leib, ein bisschen wie der von frisch gebackenen Müttern.
