(aus dem Manuskript mit dem Arbeitstitel “Mittelstadtrauschen”)
Der Sommer saugt alles aus, er nuckelt an Blättern und Flüssen und zieht die Körperflüssigkeiten aus dem Leib. Die Straßenbahnen stinken nach Touristenschweiß und die Autos nach nassen Managerhemden und Kinderkotze. Auch am Donaukanal riecht es, nach totem Fisch und Urin. In Sonjas Wohnung ist es dank der neuen Klimaanlage schön kühl, doch dort kann Jakob nicht mehr hinein. Das will er auch gar nicht, lieber liegt er in Maries Achselhöhle und zuzelt ihr den letzten Tropfen Schweiß aus dem Körper. So bekommt er nicht mit, wie Sonja anruft und auf die Mailbox kreischt, was das soll, ob er jetzt komplett durchgeknallt sei, ihr einfach so den Schlüssel hinzulegen, ein feines Arschloch sei er. Und während unter Maries Fenster die Bauarbeiter in das Innerste Wiens vordringen, dringt Jakob in das Innerste Maries vor, und während Sonja die Tränen runter rinnen, rinnen Jakob die Schweißperlen runter, bis am Schluss beide ganz dehydriert sind, Sonja vom Weinen und Jakob vom Ficken.
Was ist aus der großen Liebe geworden, den gemeinsamen Kühlschrank gibt es nicht mehr, Sonja trinkt Mineralwasser in der Schweglerstraße, Jakob trinkt Mineralwasser in der Castellezgasse, und als beide über ihre Lippen lecken, schmecken sie salzig, Jakobs Lippen vom Marieschweiß und Sonjas Lippen von den Liebeskummertränen.
Die große Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben. Auch Konsalik Heftchen sind austauschbar. Deswegen spaziert Hedi Brunner zur Trafik, um sich ein neues Schicksal, eine neue große Liebe zu kaufen. Großmütter haben eine dumme Eigenschaft, sie lesen zu viel Konsalik und trinken zu wenig Mineralwasser, ein Umstand, der im Sommer das Leben kosten kann.
Jakobs Großmutter hat Glück, der Trafikant ruft die Rettung, und eine halbe Stunde später liegt die Alte unter einem weißen Laken und bekommt Salzlösung in die Venen geträufelt. So kommt es, dass sich zum Sonjaläuten auf Jakobs Handy das Mutterläuten dazugesellt, doch der Presslufthammer macht es möglich, dass Jakob nichts von alledem mitbekommt, aber das macht nichts, in Jakobs Kopf läutet etwas Höheres.
Und so vergehen die Hundstage, die Katzenhaare kleben an Jakobs Körper und die Dissertationsseiten vermodern in der Schublade, und als er drei Tage später sein Handy aus der Jackentasche nimmt und den Akku auflädt, kommt er mit dem Nachrichtenabhören gar nicht mehr nach. Wo er gewesen sei, jammert die Mutter, wo er, verdammt noch mal, stecke, kreischt Sonja. Aber man braucht schließlich auch ein wenig Erholung, Zeit für sich. Als Jakob schließlich mit ein paar Flaschen Mineral und zwei Liebesgeschichten in die Straßenbahn klettert und sein Handy erneut klingelt, hat Sonja Glück. Diesmal schreit sie ihm direkt ins Ohr.
Am Sitz dahinter kaut der dicke Herbert Sichozky an seiner Wurstsemmel und ist live dabei.